Reden wir über verbale Gewalt und sprachliche Brutalität. Wobei ich wagen will, zwei recht unterschiedliche Fälle zum Anlass für ein Update meines letzten Beitrags zu nutzen. Es geht einerseits um einen auffälligen Aussetzer und andererseits um einen ausfälligen Vorfall. Die Themen: Homophobie und Auschwitz.
Fall 1: Das Westfalen-Blatt und seine heillos heile Welt
In der Kummerkasten-Rubrik des Westfalen-Blatts aus Bielefeld wird ein Elternpaar in der Überlegung bestärkt, ihre kleinen Kinder nicht zur Schwulenhochzeit des Onkels zu schicken. Obwohl sie das Paar schätzen, passt deren Eheschließung nicht ins Erziehungskonzept. Sie wollen ihre Kinder nicht verwirren. So weit, so seltsam, dieser „Gute Rat am Sonntag“.
Reaktion der Netz-Öffentlichkeit: Drastisch formulierte Empörung, nach meiner Wahrnehmung einhellig, mit leichten Abweichungen. So ein homophober „Kackscheiß“ gehöre sich einfach nicht. Gesellschaftlich gefährlich. Die Facebook-Seite des Blattes füllte sich schnell mit Unmut. Sehr viel, sehr starker Unmut.
Reaktion des Westfalen-Blattes (Zeitraffer): Schweigen, Entschuldigung und schließlich Entlassung: Die Autorin, eine Freie Mitarbeiterin, verliert ihre Kolumne. Formuliert wird diese Schadensbegrenzung im üblichen Krisenkommunikations-Deutsch. Man darf sich fragen, ob das Blatt ein Einsehen hatte oder nur kalt wirtschaftlich abgewogen hat.
Fall 2: Juliensblog: Der Aufheizer auf der KZ-Lok
Es wird wohl nicht am YouTuber von Juliensblog gelegen haben, wenn die GDL nun doch erstmal nicht mehr streiken will. Aber einen Schreck könnten die Lokführer schon gestern bekommen haben. Denn da hat der Videoblogger diese – Zitat – „Hurensöhne“ auf brutalst mögliche Weise beschimpft. Wörtlich: „Vergasen sollte man diese Mistviecher“. Ja genau, wie in „Auschwitz“.
Der Fall erschließt sich ganz gut aus dem Interview der Hörfunker von DasDing:
„Auschwitz funktioniert doch gar nicht mehr.“ Und Zug fahren könne er auch nicht. So weit die Antwort von Julien im Radio -Talk. Der Moderator darauf: „Ey Alter“. Selten habe ich mich greisenhafter gefühlt.
Reaktion in der Netz-Öffentlichkeit: Nach fachkundiger Einschätzung: „gemischt„. Für die einen war es brauner Dreck, für die anderen schwarzer Humor (46.000 „gefällt das“, Stand: s.o.). Der Blogger wurde wegen Volksverhetzung angezeigt, aber andererseits in vielen Social Media-Kommentaren als Satiriker und Meister des Schwarzen Humors verteidigt.
Reaktion des Plattformbetreibers (YouTube = Google): Gegenüber der Berliner Morgenpost erklärte ein Sprecher, das Video würde nicht gegen die Community-Regeln verstoßen. Deshalb werde es auch nicht gelöscht. Vielleicht sollte ich ergänzen: Bei 1,2 Millionen Abonnenten und allein 450.000 Abrufen (Stand: 21.05.2015, 11 Uhr) des GdL-Posts bietet Juliensblog ein höchst attraktives Werbeumfeld.
Symbolische Gewalt und radikale Satire
Mein erster Impuls wurde sicher schon deutlich: Mich selbst kräftig empören. Und zwar über zu große (Westfalen-Blatt) und zu geringe Empörung (Juliensblog) der anderen. Aber das wäre billig. Außerdem heuchlerisch. Also ein zweiter Versuch: Dank der sozialen Netzwerke legt ein aufmerksamer Schwarm im Fall 1 die in der Sprache – verborgene – symbolische Gewalt gegen Homosexuelle offen. Aus der begründeten Kritik zieht das Medium letztlich die Qualität sichernden Konsequenzen. Wer wird so eine Klischee-Rubrik denn vermissen?
Und das juliensblog- Video, Fall 2, wirft derartig krassalter-mäßig mit Beleidigungen jedweder Primitivität um sich, dass ich mir das eigentlich nur mit Satire oder einer Aufmerksamkeitsökonomie Störung (AÖS) erklären kann. Bei solchen Themen lerne ich allerdings auf die harte Tour, dass ich altere – und zwar noch schneller als in „Echtzeit“.
Als ich hier das Bloggen begann, hatte ich einmal eine ähnlich verblüffende Begegnung mit einem „Beef“, einem bedrohlichen Rachevideo-Clip von Bushido, millionenfach geklickt. Mir hatte das den öffentlich-rechtlichen Ärmelschoner hochgeklappt. In der ARD wird einfach anders ge-dissd.
Ja, wo leben wir denn?
Mir wird zunehmend klar, wie sehr ich mich immer noch in einem Medien-Ordnungsrahmen bewege, den die digitale Vernetzung schon gesprengt hat. Mit beängstigender Trägheit beziehe ich mich noch auf eine Welt, in der Empörung Grenzen gesetzt und Empörendes sanktioniert wurde.
Erregung öffentlichen Ärgernisses kenne ich als (auf Exhibitionismus gemünzte) Straftat. In der vernetzten Gesellschaft scheint sie nun geradezu Pflicht. „Empört Euch!“ „Unruhe ist Bürgerpflicht!“ (Ver-) Störungen ausdrücklich erwünscht. Nun möchte ich mich wirklich nicht zum blog-alike eines konservativen Provokanten wie Harald Martenstein machen. Da fehlt mir auch sprachlich einiges.
Diesem Web-Tagebuch will ich lediglich meine Verblüffung anvertrauen. Ja, und auch meine Sorge.
Drei Sorgen
1. Wir leben in einem merkwürdig gekrümmten Rechtsraum. An manchen Stelle gilt noch die alte staatliche Rechtsordnung, inklusive ihrer Unbeholfenheiten. Andere Ecken, nämlich vor allem die virtuellen, werden längst durch die Richtlinien der Plattformbetreiber geprägt.
2. Als eine Art kleinste gemeinsame Verbindungsnorm scheint sich das Faustrecht heraus zu kristallisieren. Das wirkt sich vielleicht mal an der einen Stelle moralisch befriedigend aus, woanders aber kann es verstörend sein.
3. Und jetzt wird es gewagt: Aber ich erinnere trotzdem mal an „Charlie Hebdo„. Aus den Morden in Frankreich wurden ja jede Menge Schlüsse gezogen. „Satire darf alles!“ „Meinungsfreiheit unbedingt!“ „Je suis Charlie.“ Im Schock ist das schnell formuliert. Andererseits hat uns der Terror gegen Publizisten einfach gezeigt, dass Konflikte um Kommunikation in reale Gewalt münden können. Wie verantwortungsbewußt damit umgehen?
Eine Hoffnung
Wir haben ein Recht darauf, unsere (und sei es bescheuerte) Meinung zu sagen. Und wir haben eine Pflicht, die Folgen sprachlicher Brutalität zu bedenken. Das Ergebnis kann sehr unterschiedlich ausfallen: Braver Biedermeier („Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“), völlige Freiheit („Empört Euch!“) oder Wasdazwischen. Jede Entscheidung jedoch wird Folgen haben für unser soziales Klima. Selbst eine Nicht-Entscheidung.
Vielleicht reagiere ich ja mit diesem Blogpost nur über. Allerdings wäre ich alter Sack da in relativ hipper Ärger-Gesellschaft: Dennis Horn erinnert im Nerd-Blog von Eins Live an die „Verantwortung“ von YouTubern, wenn sie denn zu Ruhm bzw. großer Gefolgschaft gekommen sind. Und Blogger Jens Jansen möchte mit Julien sogar „über Moral reden„.
Yo Man! Mal sehen, wohin das führt.
UPDATE 29.05.2015: Wenn die Empörung abflacht, beginnt die Aufarbeitung, allerdings meist eher im Stillen und weniger Aufsehen erregend. Zwei interessante Aspekte seien hier zumindest nachgetragen.
Zum einen hat die geschaßte Kolomnistin des Westfalen-Blatts, Barbara Eggert, gegenüber der SZ ihre Sicht geschildert. Inhaltlich gesinnungsfest, persönlich erschüttert: „Töne, die mich regelrecht vom Sofa gehauen haben.“
Und YouTube-Eigner Google hat das GdL-Haßvideo zumindest für Deutschland gesperrt. Ein Gestus an den Schwarm, wenn ich den Tweet des Firmen-Sprechers richtig deute:
Danke für euer aller Feedback! Wir haben das Video noch einmal geprüft und uns nun entschieden, es in Deutschland zu sperren. @leitmedium
— Klaas Flechsig (@KlaasFlechsig) 22. Mai 2015
UPDATE 12.04.2016: Ab und an lohnt es sich, Themen nachzuhalten. Julien bekam wegen seiner Entgleisung einigen Ärger auf der juristischen Schiene: Schuldig der Volksverhetzung: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/youtube-15-000-euro-strafe-und-haft-auf-bewaehrung-fuer-juliensblog-a-1077086.html
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