Dem Blogger Wolfgang Michal, Motor von Carta, gelang vor kurzem ein Post, der ungewöhnlich häufig kommentiert wurde. Dabei handelte es sich nicht etwa um sein interessantes Hintergrundstück zum Ukraine-Konflikt – nein, die Selbst-Suche eines Netz-Publizisten im digitalen Medienwandel war sein Thema: „Braucht es uns noch?“.
Genauso aufschlussreich fand ich einen Beitrag des jungen Journalisten Andreas Grieß auf vocer, vor allem dank der Reaktionen darauf: „Die Medienbranche hat diese Generation nicht verdient“. Wir stecken mitten in Sinnkrisen und Generationskonflikten. Kein Grund zum Verzweifeln, sondern zum Nachdenken.
Denn erfreulicherweise lichtet sich auf allen Seiten der Nebel der Illusionen. Dabei treten natürlich auch manche Probleme hässlich zutage. An anderer Stelle zwinkert ein Hoffnungsschimmer. Um beides wahrzunehmen, darf man sich allerdings den Blick weder durch digitales Name-Dropping noch durch Trend-Hopping verstellen.
Das Virtuelle ist Realität geworden, die digitalisierte Gesellschaft längst flächendeckend. Auch wenn sich noch nicht jede smarte friesische Melkmaschine per Breitband mit einem Berliner Milchaufschäumer vernetzen lässt. Steht ja auf der Digitalen Agenda. Jedenfalls fließt mittlerweile der gesellschaftliche Mainstream durch die blühenden Blogger-Landschaften, überschwemmt dabei wertvolle Flächen und spült sogar manch lieb gewonnenes weg.
Hinter uns: Illusionen
Denn trotz aller Hoffnungen auf eine basisdemokratische Onlinewelt sind es doch häufig wieder nur bekannte (Zeitungs-) Marken, die den Diskurs prägen. Erneut geben bekannte Autoren (sowie ein paar neue) Ton und Thesen vor. Während einige Traditionsbetriebe in die Knie gehen, sind an andere Stelle (internationale) Medienorganisationen mit großem Markteinfluss entstanden.
Gleichzeitig wird die heile Sharing-and-Caring-Netzwelt mehr und mehr zum Schlachtfeld wirtschaftlicher und politischer Machtkämpfe. Und in denen siegt nicht der gute Wille oder das gute Argument, sondern ganz einfach der Stärkere. Selten ist dies übrigens ein Einzelkämpfer. Von der Datenversklavung will ich hier gar nicht erst anfangen. Denn die Welt geht ja nicht wirklch unter.
Eher bleibt sich alles anders. Der digitale Wandel erscheint mir manchmal weniger die propagierte qualitative Veränderung unseres Lebens als vielmehr eine quantitative bewirkt zu haben. Vieles ist nicht unbedingt besser geworden, aber auf jeden Fall gibt es immer mehr, vor allem immer mehr „Content“.
In dieser Lage stellen der arrivierte Autor (u. a. Geo) Wolfgang Michal und der junge Journalist Andreas Gieß verständlicherweise fest, dass die Realität ihren Ansprüchen nicht gerecht wird. Der Ältere wirft nun in seinem Text ebenso resigniert wie indigniert die Frage auf, ob anspruchsvolle Deuter wie er in dieser Wirklichkeit überhaupt noch gebraucht werden. Hingegen „rantet“ der Nachwuchs dem Medien-Establishment seinen Ekel entgegen: „Das Alte muss weg“, lautet eine seiner Forderungen auf einer Veranstaltung namens „Vocer Innovation Day“.
Gemeint war wohl auch ein bisschen: „Die Alten müssen weg“. Denn hinter den als lahm kritisierten Strukturen stecken die Haltungen und Besitzstände der Vorgänger-Generationen. Da mündet Ursachenforschung schnell in Schuldzuweisung: Wenn wieder mal ein Medienbetrieb in die Krise gerät, wird gern behauptet, irgendwer in verantwortlicher Position hätte „das Internet nicht verstanden“. Jüngstes Beispiel: Die Pleite der Münchner AZ. Nach dem Motto: „Alles Vollhorste, außer Kai“ wird der betrübliche Fall etwa auf Lousy Pennies kommentiert. Media-Nerds wie Kai Diekmann oder Angebote wie Upworthy gelten hier als Vorbilder.
Kann sehr gut sein, dass ich das Internet auch nicht verstanden habe.
Aber eigentlich gibt es für mich am Internet gar nicht so viel nicht zu verstehen. Es eröffnet theoretisch allen Menschen gewaltige mediale Möglichkeiten, die aber nur wenige praktisch nutzen können oder wollen. In der Theorie hält es enorme Gewinnmöglichkeiten bereit, von der in der Praxis nur einige Große profitieren dürften.
Vor uns: Verteilungskämpfe
Unter diesen Bedingungen sind die gesellschaftlichen Ziele „Herstellung von Öffentlichkeit“ und „Geld verdienen“ schwer zusammen zu organisieren. Das Geschäftsmodell der gedruckten Zeitung zerbricht an diesem Widerspruch. Die Alternativen im digitalen Zeitalter bestehen bislang überwiegend aus hoffnungsfrohen Pilotprojekten und Versprechungen. Innovationen werden versucht, soweit und solange man es sich leisten kann.
An die Medienschaffenden, all die Blogger und klassischen Journalisten, Amateure und Profis, Idealisten und Karrieristen ergeht ständig der Ratschlag: „Vermarkte Dich selbst, falls Du Dich nicht an eine etablierte Hausmarke ketten kannst oder willst.“ Der Preis der publizistischen Freiheit sei die materielle Sicherheit. Aber so einfach ist das nicht. Bei Lichte besehen kommt es doch sehr auf die individuellen Situationen an. Auf den Ressourcen-Zugang insbesondere.
Am Ende wird wieder klar, dass unabhängiger Journalismus überhaupt kein Geschäftsmodell ist – und damit ist der Verteilungskampf eröffnet. Bislang sattsam bekannt waren die Ebenen „Alt-Medien gegen Netzmedien“, „Journalisten gegen Blogger“, „Private Unternehmen gegen öffentlich-rechtliche Anstalten“.
Zu wenig beleuchtet – vielleicht weil so banal und naheliegend – wurde bislang der Generationen-Konflikt. Diese Dimension des Wandels blitzt meiner Beobachtung nach immer häufiger in Medien-Debatten wie denen auf Carta und vocer auf.
Wie schön, dass diese Diskussionen erst angefangen hat. Und wie beruhigend, dass keiner wissen kann, wie sie enden wird. (Außer dass die Alten irgendwann wirklich abdanken müssen). Es dürfte sich lohnen, den digitalen Wandel auch als vielschichtigen Generationswechsel zu erzählen. Da gibt es noch sehr viel Gesprächsbedarf!
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