Jeff und Gabor im Krieg – Kampf um Google

Sieht noch ganz friedlich aus.

Sieht noch ganz friedlich aus.

Es wäre Journalisten natürlich theoretisch auch möglich, über Themen zivilisiert zu diskutieren, sogar über wichtige. Praktisch herrscht gerade Krieg um Google. Jeff Jarvis erklärt den “German war against the link“ und Gabor Steingart ruft zum „Digitalen Freiheitskampf“ auf. Schuld ist das ruppig-disruptives Diskussionsklima beim Medienwandel.

Kurzer Blick auf das Schlachtfeld: Ein Teil der deutschen Verleger will auf der Basis des so genannten Leistungsschutzrechts Google zu Lizenzabgaben verpflichten. Per Klage. Dies wiederum interpretiert der netzjournalistische Guru Jeff Jarvis als casus belli. Eine Attacke auf die freie Marktwirtschaft sei das. Immer diese Deutschen: Haben schon genervt with „the Verpixelungsrecht“  and „the right to be forgotten“.  OMG!

Der Handelsblatt-Manager Gabor Steingart dagegen schießt heute zurück: Man müsse den neofeudalistischen Tyrannen Google stürzen. Ohne die Inhalte der Verlage wäre die Datenkrake aus dem Silicon Valley nicht so groß geworden. Er sieht „die Zeit zum Loschlagen“ gekommen und will Google an die ordnungspolitische Kette legen.

Natürlich enthalten alle Texte auch gute Argumente: Steingarts Hinweis auf die Fehleinschätzungen der eigenen Branche auf der einen und Jarvis´ Hinweis auf einige Widersprüche in der Verleger-Argumentation auf der anderen Seite. Aber der Ton macht am Ende doch die Musik. Marschmusik.

Dabei ist Google gar nicht das Problem, sondern eher ein Symbol. Für bedrohliche technologisch-ökonomische Übermacht oder für berechtigten Erfolg im freien Wettbewerb, je nach Lager. Die einen bewundern den Erfolg modernen, hochkreativen Netzunternehmertums, die anderen leiden an der „Alternativlosigkeit“  eines sehr nützlichen Dienstes, der einen gleichzeitig versklavt. Sowohl die Inhalte-Anbieter als auch die Inhalte-Nutzer.

Beim digitalen Wandel geht es jedenfalls nicht nur um bedrohte Geschäftsmodelle, sondern um das künftige Gesellschaftsmodell. Insofern führen ein Teil der deutschen Verlage und Google einen –na gut – „Stellvertreterkrieg“. Wie gestalten wir die Flüssige Moderne, die uns soviel Sicherheiten wegschwemmt? Eine sehr komplizierte Debatte, die umso besser verläuft, je weniger hysterisch sie geführt würde.

Und hier sind wir bei einem Schlüsselbegriff des Change Management, dessen unkritische Verwendung für einen Gutteil der aggressiven Grundstimmung in den Medienwandel-Debatten verantwortlich ist: „Disruption“. Das ist tatsächlich geradezu ein Kampfschrei, wann immer es um die Ablösung alter (=veralteter?) Technologien oder betagter (=todgeweihter?) Institutionen durch „das Neue“ geht.

Die „schöpferische Zerstörung“ des Ökonomen Joseph Schumpeter und die Idee der „Disruption“ des Wirtschaftswissenschaftlers Clayton M. Christensen gelten vielen inzwischen als unbedingte Voraussetzung für Innovationen. Alles Alte muss vom Neuen weggedrängt werden, sonst bleibt die Entwicklung stecken. Und die atemberaubende Wucht der Entwicklung einer digital vernetzten Welt scheint ihnen jeden Tag Recht zu geben.

Nimmt man sich allerdings die Zeit (aber woher eigentlich?), die Verhältnisse einmal genauer zu untersuchen, so stellt man fest, dass Zukunfts-Gestaltung keine Brandrodung sein kann. Jill Lapore hat dies in einem Artikel für den New Yorker gerade (endlich) einmal analysiert: „The Disruption-Maschine – What the Gospel about Innovation gets wrong.“ Dieser Artikel kostet Zeit, aber er ist es wert

Denn: Weder sterben bald alle Zeitungen/Radios/Fernsehsender noch kommen die Bürger/innen jetzt alle an die digital vermittelte Macht. Keiner kennt die Zukunft genau, was aber zugegebenermaßen keine besonders geeignete Formel für den Kampf um die Deutungsmacht ist.

Das Resultat der säbelrasselnden Diskussionen steht jedenfalls steht von vornherein fest – beide Lager schließen Ihre Reihen. Aushandeln von Kompromissen? Ach was, das schießen wir aus! Da erinnert die digitale Debatte tatsächlich an die Euphorie vor dem Ersten Weltkrieg.

 

Kommentare

  1. Mediaberatung Gisela Wilke meint:

    Wir sind ja schon längst mitten drin im Wandel der Medien… entweder die altherkömmlichen machen mit oder sind irgendwann weg. Das kann aber geschmeidiger gehen, wenn diese sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren würden. Denn was Google fehlt, ist immer noch der
    vielgepriesene CONTENT! Und den gibts nun mal nicht geschenkt! Ein Hoch auf alle Jäger und Sammler… Journalisten, Redakteure und und und, welche draußen noch ihren Job erledigen!!!

    • Sicher, wir sind mittendrin im Medienwandel. Im Grunde seit Jahrzehnten oder, wenn man so will, bereits seit Jahrhunderten. Dabei haben sich auch immer wieder drastische Veränderungen ergeben, bis hin zum Verschwinden von Techniken, Institutionen oder Berufsbildern. Nur kritisiere ich diese Vernichtungsthese der digitalen Disruption. Sie ist in dieser Reinkultur nicht haltbar. Das übersehen wir manchnmal, weil alles so viel wird und so schnell geht. Im Moment fehlt Google der Content allerdings gar nicht, denn er kommt ja automatisch und umsonst. Hier setzen die Debatten gegen ein weltweites Infrastruktur-Monopol an, die ich teile. Viele erledigen den Job der „Inhaltsarbeit“ bereits jetzt nahezu kostenlos. Dass Verleger eigentlich selbst gern Monopolisten wären (oder waren), entkräftigt ihre Argumentation gegen Google nicht ganz.

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