2017: Krieg der Frechheit

 

Ich glaube, es hackt (Foto: M. Vadon / CC BY SA-2.0)

Ich glaube, es hackt (Foto: M. Vadon / CC BY SA-2.0)

Zur Jahresewende riskiere ich einen vorausschauenden Blick zurück: 2017 wird es vor allem um die Frage gehen, ob Frechheit siegt. Deren Schlagkraft hat sich jedenfalls 2016 bewiesen. Überall können sie zuschlagen, die postfaktischen Hacker wie „Vitaly Popov“. Ich schreibe aus Erfahrung.


Mein Aha-Erlebnis in der Mediendebatte 2016 hatte ich hier bereits ausführlich und analytisch beschrieben. In einem weiteren Schlüsselmoment musste ich dieses Jahr feststellen: Google und ich wurden hämisch gehackt!

Dazu eine kurze technische Erläuterung:

Sie wissen, liebe Leser/innen: Um Ihr Nutzungserlebnis in lichte Höhen zu steigern, verwende ich die Cookies von Google Analytics aus der Alphabet-Bäckerei. Dadurch kann ich mir schöne Statistiken ansehen, wer von wo und so meinen Blog besucht. Gut gemeintes Stalking.

Vor einigen Wochen wurden mir plötzlich überraschende Besucher gezeigt: Angeblich gab es nächtens hohe Zugriffszahlen auf meine Seite, scheinbar aus dem Osten: St. Petersburg, Moskau, Charkow. Einen naiven Nano-Moment lang hatte ich mich über das Interesse aus der ehemaligen Sowjetunion gefreut. Wenn wir derzeit etwas brauchen, dann Völkerfreundschaft.

Aber nein, leider handelte es sich in meinem Fall um so genannten Referrer-Spam. Dort, wo mir als Blog-Betreiber  bei Google Analytics normalerweise formale Details („Sprache“) zur Herkunft der Nutzer beschrieben werden, da machte jetzt ein Witzbold Reklame für seine Seiten.  Zur Krönung warb er zudem für einen Polit-Schelm: Donald Trump.

Analytics.Vote for trump.2016

Genauer wird das Ganze hier erklärt. Mir geht es  an dieser Stelle weniger um technische Details. Sondern ums Prinzip, dargestellt am Beispiel des Verursachers, soweit ihn Tech-Blogger dingfest gemacht haben. Was wohl gar nicht so einfach ist, denn diese Traffic-Simulation nicht existierender Seiten mitsamt Verlinkungswirrwar ist alles andere als leicht zu durchschauen.

„Vitaly Popov“ aber ist offenbar ein real existierender, schillernder Programmierer mit russischen Roots, der allerdings auf seinen eigenen Seiten trotz ziemlich eindeutiger Indizienlage den Unwissenden spielt. Im üblichen Anti-Establishment-Sound schreibt er:

Trotz der vielen Lügen in den Medien ohne jeglichen Beweis ist diese Seite absolut sicher und sehr nützlich.

Auch die Person Popov ist mir letztlich egal, ihre Motive und ihre Provenienz. Mich tifft das Prinzip, als ein Symbol für die Unberechenbarkeit der digitalen Zeitenwende: Scheinbar ungehindert nistet sich der mutmaßliche russische Hacker bei den Super-Nerds von Google ein. So reicht sein Programmier-Griffel bis in die Auswertung meines kleinen Blogs hinein.

Meine Metapher für Kontrollverlust. Web of Trust adé – welcome Web of Frust. Nichts ist mehr sicher, nichts mehr wahr. Diese Erkenntnis trifft die ganz großen Technolgie-Leuchten genauso wie die kleinen Blogger-Lichter. Da zeigt irgendein Outlaw Google und mir den Coder-Finger: „Ich kann alles und Ihr könnt mich mal!“  Das ist sooo 2016.

Offenlegung: Ich gestehe mein etabliertes Entsetzen über die nerdige Internationale. Wohl eine weitere Alters-Erscheinung. Man könnte ja auch sagen: „Ist doch nix passiert. Der User merkt es nicht und der Blog-Betreiber muss sich halt informieren, um die Scherz-Atacke zu beheben.“ Jaja.

Und natürlich ist der Kampf  noch gar nicht entschieden. Mit fachkundiger Hilfe lässt sich der ungebetene Google Analytics-Spammer vor die Tür setzen. (Toi, toi, toi). Überhaupt brauchen wir gerade jetzt eine gehörige Portion Gelassenheit der Marke „Kulturpragmatismus“, wie ihn der Blogger Dirk von Gehlen unermüdlich anpreist. Jajaja.

Trotzdem sieht es im Moment für mich gerade so aus: Frechheit siegt. Und das ist nicht immer lustig, sondern wirkt oft beängstigend. Fast wie der Bösewicht Joker in den Batman-Filmen. Wie eine vituelle Horror-Clownerie kommt mir das vor.

Mal ganz abgesehen von der ärgerlichen Notwendigkeit, sich überhaupt mit derlei Keckheiten beschäftigen zu müssen. Die ganze Fakerei und Fopperei stiftet ja schließlich nicht nur Verunsicherung in wichtigen Debatten. Postfaktizistisches Hacking produziert schlicht Aufwand, lenkt ab und polarisiert. Alles nicht schön.

Das ist nun meine bilanzielle Prognose: Im kommenden Jahr wird sich zeigen, wozu die Sprengkraft der Frechheit reicht. Amüsiert sich die Welt mit Hilfe ihrer unbegrenzten kommunikativen Möglichkeiten zu Tode? Oder wehrt sich die Gesellschaft mit wachsender Medienkomptenz?

Wirklich – nächstes Jahr wird es ernst. Kein Scherz!

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